Zwischen Planung und Realisierung

Darmstadt Kranichstein - Die Grundsteinlegung005
Modell Kranichsteins von Ernst May in: Neue Heimat Südwest (Hrsg.): Darmstadt-Kranichstein: die Grundsteinlegung. Festschrift der Neue Heimat Südwest, Gemeinnützige Wohnungs- u. Siedlungsges. mbH, . Frankfurt (a.M.) 1968.
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Darmstadt-Kranichstein mit heutiger Bebauung. © OpenStreetMap-Mitwirkende

In Folge des Wiederaufbaus und des rasanten Wachstums der Städte in den 1960er Jahren wurden rund um Darmstadt neue und morderne Großsiedlungen geplant. Neu-Kranichstein war eine davon und sollte schnell auf 65 000 Einwohner anwachsen. Mit der Planung dieses Unterfangens wurde Ernst May betraut, der den Stadtteil mit allen Wohnhäusern, Kirchen, Einkaufsläden und öffentlichen Einrichzungen entwarf.

Umgesetzt wurde von dieser Planung allerdings nur der erste Bauabschnitt und auch dieser nur in Teilen, da der Stadtteil deutlich langsamer wuchs als erwartet, die Baukosten ab Ende der 60er Jahre deutlich anstiegen und sich die öffentliche Meinung gegen Hochhausbebauung und Modernismus richtete. Die Architektur, die zunächst als zukunftsweisend und konfortable gegolten hatten, galt nun als monoton und lebensfeindlich. An den Plänen ist sehr schön die Differenz zwischen Planung und Umsetzung zu erkennen. Heute leben knapp 12.000 Menschen in Kranichstein.

EAUH-Konferenz

Vom 29.08. bis 01.09.2018 fand dieses Jahr in Rom die Konferenz der European Association for Urban History statt. In vielen spannenden Beiträgen wurden Themen rund um die Stadtgeschichte diskutiert. Besonders spannend fand ich dabei zum einen die Session zu „Spaces of Fear in the 20th Century City“, in der anhand verschiedener Beispiele und methodischer Zugänge gezeigt und diskutiert wurde, wie „Angsträume“ wie Straßen, U-Bahnstationen oder Stadtteile diskursiv hergestellt wurden und wie sich die Wahrnehmung in der Berichterstattung konstruierte. Zum anderen wurden vielfach Stadterneuerungsgebiete, deren Herstellung, Architektur und die mediale Kommunikation der Planenden in verschiedenen Epochen dargestellt, was interessante Perspektiven auf innerstädtische Neubaugebiete eröffente.

Edeka-Baracke

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Blick auf die Baracke um 1970 von der Bartningstraße. Dia Brygann, Stadtteilarchiv Kranichstein.

1968 wurde gegenüber den ersten Hochhäusern in der Bartningstraße als provisorische Einkaufsmöglichkeit eine Holzbaracke gebaut, in der ein Edeka untergebracht wurde. Das Darmstädter Echo bezeichnete diesen 1968 als einen „recht ansehnlichen provisorischen Laden mit einer Verkaufsfläche von 240 Quadratmeter“. Die Erinnerungen daran sind vielfältig und reichen davon, dass immer alles voller Sand war bis dahin, dass man dort eigentlich alles Wichtige bekommen habe.

Erst 1975, also nach sieben Jahren Provisorium, eröffnete das heutige Einkaufszentrum am See, das die Baracke als Lebensmittelladen überflüssig machte und das Angebot deutlich erweiterte. In der Zwischenzeit war der Plan des Architekten Ernst May, ein großes Zentrum zu bauen, das dem Stadtteil einen eigenen Charakter verleihen und auch Gemeinschaftseinrichtungen wie ein Hallenbad und ein Bürgerhaus beinhalten sollte, deutlich reduziert worden.

 

Doktorand_Innenkolloquium der Weimarer Wohnungsforschung

Am 5. und 6. Juli fand an der Bauhausuniversität Weimar ein interdisziplinäres Doktorand_innenkolloquium zum Thema „Wohnungsfrage(n) ohne Ende“ statt. 15 Doktorand_innen aus unterschiedlichen Disziplinen stellten dabei Ihre Promotionsprojekte vor. Schwerpunkt war die Frage nach bezahlbarem, lebenswerten Wohnraum. Das Themenspektrum umfasste vor allem den sozialen sowie gemeinschaftlichen Wohnungsbau, soziale Bewegungen in der Stadt und Einflussmöglichkeiten privater sowie öffentlicher Träger_innen auf die Wohnraumversorgung. Thematisch einte die Vorhaben ebenfalls, dass sie sich hauptsächlich auf größere Städte konzentrierten.  Die Entwicklung der Bürgerinitiative in der Großsiedlung Kranichstein konnte in diesem Kontext unter dem Titel „„Stimmen aus den Häuserschluchten“. Politische Partizipation in Großsiedlungen“ vorgestellt und kritisch kommentiert werden, was sehr spannend war, zeigte es doch, dass manche Phänomene der Stadtentwicklung in unterschiedlichen Formen eine lange Historie haben.

Das Doktorand_Innenkolloquium ist Teil der Workshopreihe „Wohnungsfrage(n) ohne Ende. Aktuelle und historische Entwicklungen in der Wohnungspolitik“ organisiert durch die Weimarer Wohnungsforschung.

Stadtteiljubiläum

kranichstein-jubilaeumsflyeDer Stadtteil Neu-Kranichstein ist mittlerweile 50 Jahre alt: Grund genug, das Festjahr mit einem bunten Jubiläumsprogramm auszugestalten. Dabei werden neue Eröffnungen und Stadtteilentwicklungen genauso gewürdigt, wie alte Erinnerungen. Das vielfältige Programm, dessen Flyer hier abgebildet ist, kann unter jubi50-kranichstein nachgelesen werden: .

Der 24. Mai war der Jahrestag der Grundsteinlegung und an diesem wurde im Bürgerhaus bei Kaffee und Kuchen zurückgedacht an die Anfänge Kranichsteins, die am längsten in Kranichstein lebende Bürgerin ermittelt und interessante Gespräche geführt.
Am 25. Mai folgte dann der feierliche Festakt im HEAG Depot, bei dem der Oberbürgermeister Darmstadts die positive Entwicklung des Stadtteils betonte und auch der Vorsitzende des Fördervereins Kranichstein in seiner Rede alle einlud, sich Kranichstein einmal anzusehen und dabei das Besondere und Schöne zu entdecken, das dieser Stadtteil zu bieten hat. Denn einmal selbst nach Kranichstein zu kommen, arbeite am effizientesten gegen all die Vorurteile, die vor allem die noch pflegen, die selbst noch nie hier gewesen sind. Die jahrzehntealte Differenz der Wahrnehmung vom Stadtteil zwischen den Bewohnenden und Auswärtigen, wurde hier deutlich.
Am 28. Mai wurde dann im Rahmen eines Kulturrundgangs das neue Sonnendeck am Brentanosee eröffnet und bei diesem Anlass immer wieder die Verbindung der Grünanlagen, öffentlichen Plätze und der Hochhäuser betont. Gewürdigt wurden dabei vor allem die im Rahmen des Bund-Länderprogramms „Soziale Stadt“ veränderten und neu geschaffenen Einrichtungen, wie die „neue Mitte“ am Ende der neu gestalteten und nun zum gemütlichen Verweilen einladenden Bartningstraße.

Anwaltsplanung in Kranichstein

Aufgrund der langsam bis gar nicht voranschreitenden Ausstattung der neuen Siedlung am Rande Darmstadts mit notwendiger Infrastruktur wie Läden, einer Apotheke, Post, Kindergärten oder Ärzten kam es zu Unzufriedenheit und Protesten der BewohnerInnen und es bildete sich 1970 die Interessensgemeinschaft Kranichstein (IGK).

Ab 1972 wurden die in der IGK organisierten BewohnerInnen von zwei Anwaltsplanern unterstützt, die von der Stadt eingesetzt aber nicht weisungsgebunden als Vermittlungsinstanz zwischen der Verwaltung und den Planungsbetroffenen dienen sollte. Sie sollten die Interessen und Wünsche der BewohnerInnen in konkrete Planungsvorschläge umwanden und somit die Partizipation der Betroffenen am Planungsprozess ermöglichen.

Dieser Versuch der Anwaltsplanung wurde durch das Institut Wohnen und Umwelt (IWU) wissenschaftlich begleitet und auch vom Bundesministerium für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau finanziell gefördert. Im Rahmen dessen wurde die Anwaltsplanung teilnehmend beobachtet und dazu Berichte verfasst: beispielsweise für interessierte PolitikerInnen mit dem Ziel den Prozess der Anwaltsplanung darzustellen und die Vorteile der Anwaltsplanung für die Beteiligten herauszuarbeiten. Aber auch an anderen Publikationen zur Ermunterung interessierter BürgerInnen beteiligte sich die Autorengruppe des IWU, wie im Falle des Sammelbandes „Labyrinth Stadt“.

Andritzky M, Becker P, Selle G (Hrsg.): Labyrinth Stadt. Planung und Chaos im Städtebau. Ein Handbuch für Bewohner; Köln 1975.
Brech J, Greiff R, Schäfer H, Will K, Zinn H.: Anwaltsplanung. Eine empirische Untersuchung über ein Verfahren zur gerechteren Verteilung von Sachverstand in Planungsprozessen; Bonn 1977.