Fahrstuhl-Poesie

Wie das Leben in Hochhäusern denn nun sei, war in den 1970er ein umstrittenes Thema in denen die Wahrnehmung und das Urteil von Bewohner*innen und von Menschen, die von außen auf den Stadtteil schauten durchaus unterschiedlich ausfiel und sich auch veränderte. Besondere Aufmerksamkeit genoss dabei die neue Einrichung der Aufzüge. Auf der einen Seite galten sie als kommunikationshemmend – besonders, wenn sie nur in jedem zweiten Geschoss hielten. Auf der anderen Seite unterhielten und grüßten sich die Menschen aber auch in den Aufzügen und sie waren keineswegs nur ein Raum des an-die-Wand-Starrens.

Zudem boten Fahrstühle Gesprächsstoff – vor allem dann, wenn sie nicht funktionierten – wie dieses vor Ironie triefende Gedicht aus der Kategorie Leserbriefe in der ehemaligen Stadtteilzeitung des Osdorfer Borns von 1970 veranschaulicht:

Der Aufzug!
Ein Aufzug , der macht, was er will ,
bald geht er mal , bald steht er still.
Steigst du hier ein, zu zwein, zu dritt,
dann nehmt euch was zum Essen mit.
Denn , hängst du erst mal ·in dem Schacht,
und hast genug Radau gemacht,
dann dauert es noch ziemlich lange,
bis dich ein mildes Herz entdeckt.
Doch werd darum nicht angst und bange,
es hat schon mancher drin gesteckt.
Das Martinshorn ertönt, das Gute,
man drückt dort mächtig auf die Tute.
Und da kommt auch schon hinterher
die gute brave Feuerwehr.
Mit Blaulicht naht der Unfallwagen,
dich auf der Bahre fortzutragen.
Die Retter, die von überall,
befreiten dich aus diesem Stall.
Und du gehst nun, das Haupt erhoben,
zum einen Stock die Trepp‘ nach oben.
Doch kommst du einmal spät nach Haus,
dazu noch einen kleinen Rausch,
und plötzlich bleibt der Aufzug stehn,
dann kannst du gleich zu Bette gehn.
Zieh deine Unterhose aus,
auch deine Socken, deine Schuh.
Mach dir ein schönes Bettchen draus,
und deck dich mit dem Mantel zu.
Dann wirst du einen Traum erleben,
wirst immer auf- und abwärts schweben.
So wie ein Engel, auf und nieder,
und morgen früh, da geht er wieder.
W. K.

(Quelle: Borner Mitteilungen 4/1970 S.6)