Siedlungsgedicht

Gedichtet wurde in der Stadtteilzeitung noch mehr:

Un noch een Gedicht
O Kinners – Lüd
Wi löppt die Tid.
Hier sind wi nun schon över een Johr
Un manch een is all nich mehr dor.
Wi kamt de Minschen hier nu trecht?
Dee eene god – dee andre schlecht.
Een meen: lck treck hier wedder ut
Dee Kinner sind mi hier to lut!
Dee Andre: Dat Badezimmer is en Staat
Fröher hev wi inne Waschbalge bad!
Wedder een: lck kam von St. Pauli her.
Hier to lew’n fallt mi schwer.
lck kann woll segg’n: Uns gefallt datt hier.
Na ja – wi sind olt – gaht veel spazieren.
Ach – eenmal wär dee Wegg to Enn
Dor ging wi över dee Wisch’n mang dee Keuh
noh Hus hen
Blos een Deel gefallt mi hier nich.
Dee Figur, dee dor steiht oppe lütte Eck Wisch.
Dee sütt ja ut,
As köm he ut’n Säurebad rut,
Oder hett he irgendwo inne Eck rümstahn
Un hell von Krieg datt mitbekam?
Kiek ick em an dann kummt mi gor
Dee Erinnerung an de Hungerjohr
Dee unbekannte Poet

(in: Borner Mitteilungen Nr.2 1971 S. 9)

Dieses Gedicht „up platt“ fasst die Situation nach etwas mehr als einem Jahr Bezug des Osdorfer Borns zusammen: Die Erzählungen von den schönen Wohnungen, die Umstellung in dem neuen Gebiet zu leben, den vielen (und lauten) Kindern, das Wohnen am Grünen und die umstrittenen Kunstobjekte finden Erwähnung.

Fahrstuhl-Poesie

Wie das Leben in Hochhäusern denn nun sei, war in den 1970er ein umstrittenes Thema in denen die Wahrnehmung und das Urteil von Bewohner*innen und von Menschen, die von außen auf den Stadtteil schauten durchaus unterschiedlich ausfiel und sich auch veränderte. Besondere Aufmerksamkeit genoss dabei die neue Einrichung der Aufzüge. Auf der einen Seite galten sie als kommunikationshemmend – besonders, wenn sie nur in jedem zweiten Geschoss hielten. Auf der anderen Seite unterhielten und grüßten sich die Menschen aber auch in den Aufzügen und sie waren keineswegs nur ein Raum des an-die-Wand-Starrens.

Zudem boten Fahrstühle Gesprächsstoff – vor allem dann, wenn sie nicht funktionierten – wie dieses vor Ironie triefende Gedicht aus der Kategorie Leserbriefe in der ehemaligen Stadtteilzeitung des Osdorfer Borns von 1970 veranschaulicht:

Der Aufzug!
Ein Aufzug , der macht, was er will ,
bald geht er mal , bald steht er still.
Steigst du hier ein, zu zwein, zu dritt,
dann nehmt euch was zum Essen mit.
Denn , hängst du erst mal ·in dem Schacht,
und hast genug Radau gemacht,
dann dauert es noch ziemlich lange,
bis dich ein mildes Herz entdeckt.
Doch werd darum nicht angst und bange,
es hat schon mancher drin gesteckt.
Das Martinshorn ertönt, das Gute,
man drückt dort mächtig auf die Tute.
Und da kommt auch schon hinterher
die gute brave Feuerwehr.
Mit Blaulicht naht der Unfallwagen,
dich auf der Bahre fortzutragen.
Die Retter, die von überall,
befreiten dich aus diesem Stall.
Und du gehst nun, das Haupt erhoben,
zum einen Stock die Trepp‘ nach oben.
Doch kommst du einmal spät nach Haus,
dazu noch einen kleinen Rausch,
und plötzlich bleibt der Aufzug stehn,
dann kannst du gleich zu Bette gehn.
Zieh deine Unterhose aus,
auch deine Socken, deine Schuh.
Mach dir ein schönes Bettchen draus,
und deck dich mit dem Mantel zu.
Dann wirst du einen Traum erleben,
wirst immer auf- und abwärts schweben.
So wie ein Engel, auf und nieder,
und morgen früh, da geht er wieder.
W. K.

(Quelle: Borner Mitteilungen 4/1970 S.6)

Vortag Dirk Schubert am 16.7.2019

Am Dienstag, den 16.7.2019 ist der Planungshistoriker Dirk Schubert zu Gast am Institut für Geschichte der TU Darmstadt. Im Rahmen des Oberseminars wird er einen Vortrag zur Geschichte der Großsiedlungen halten. Besonders wird er dabei auf das Wohnungsbauunternehmen Neue Heimat eingehen, das auch in Darmsatdt-Kranichstein und im Osdorfer Born, den beiden Fallstudien unseres Forschungsprojekts, Ende der 1960er Jahren mehrere Wohnblöcke errichtet hat.

16.7.2019

Prof. Dr. Dirk Schubert (Hamburg): „Aufstieg, Fall und Renaissance von Großwohnsiedlungen – Pläne und Projekte des größten europäischen Wohnungsunternehmens Neue Heimat“

TU Darmstadt – Institut für Geschichte

Anders Wohnen

Am 16. und 17. Mai 2019 fand in der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg der Workshop „Anders Wohnen“ statt. Die Vorträge, Zeitzeugenberichte und Diskussionen waren sehr spannend. Insbesondere über den Konstruktionscharakter der Großsiedlungen, die Rolle der Medien und anderer Akteure beschäftigte die Beteiligten. Zum genaueren nachlesen ist nun auf H-Soz-Kult der von David Templin verfasste Tagungsbericht erschienen. Auch in der F.A.Z. wurde über den Workshop berichtet und die Aktualität des Themas Wohnungsbau und Wohnungsform betont.

Der Abendvortrag „Faszinierend schlechte Viertel – Wie Großsiedlungen in Frankreich und Westdeutschland in Verruf gerieten“ von Christiane Reinecke kann über Lecture2Go, die zentrale Medienplattform der Universität Hamburg, hier nachgehört werden.